von Sascha Gala Mikic

Wer uns den Sand von den Schultern klopft: Nola Kin – Fallstreak

«Fallstreak» birgt gewisse Ähnlichkeiten mit der dramatischen Schwere von Hozier’s Musik. Doch ein wichtiger Unterschied fällt auf: Hozier may take us to church, but Nola Kin takes us in ein Wüstenstädtchen, in dem junge und alte Cowboys in einer verschlafenen Bar mit ihren geliebten Frauen eng umschlungen hin und her wippen. Uns begrüsst die Intimität eines sommerabendlichen Windes, der uns in Form von Folk, Blues, Pop und Country jeglichen Stress der Betondschungel-Städte vergessen lässt. Carla, wie die Zürcher Musikerin im echten Leben heisst, bestätigt dies: Die Songs sollen sich wie eine warme Umarmung anfühlen.

Wer die grossen Fragen stellt: Lele Javel – Ich Als Chance

Vier Jahre lang hat der junge Herr in seinem Heimstudio herumgebastelt. Der Ertrag? Ein Debütalbum. Was uns sofort auffällt? In seinen Texten wird nicht über die Liebe geträllert. Nein, der Winterthurer stellt quirrlige Fragen, wie zum Beispiel «Wo findet man die Revolution von morgen?» oder «Ist Altersvorsorge nicht uh cool?». Im Grossen und Ganzen lädt Lele Javel uns dabei ein, den Sinn unseres Daseins zu hinterfragen. Dabei werden jegliche Existenzängste durch einen beruhigenden Synthie-Pop eingeholt, dessen einstudiertes Herumexperimentieren und Zusammenweben von vielfältigen Klängen und erwartungsvollen Bässen wirkt herrlich einlullend.

Wer uns zu einem Krimi Dinner mit plot twist einlädt: To Athena – Fäschtmol

Der erste Moment des neuen Liedes von To Athena beginnt herrlich verführerisch und brisant, so als ob die Violinen und das Piano den Vorhang zu einem südeuropäischen Liebeskrimi öffnen. Was folgt ist ein Spiel voller Leidenschaft und Intrigen und erinnert dadurch stark an James Bond Filmsoundtracks. Im Kontrast zu diesen zunächst hervorgerufenen Emotionen steht der Songtext, welcher die mentale Gesundheit verarbeitet: dinner for one, mit allen unschönen Gedanken, die man in sich trägt, als unsichtbare Gäste um den Tisch mit dabeisitzend. Schwer zu sagen, wer von denen der grösste Schurke ist. Aber vielleicht hilft die Einbildung eines James Bond Szenarios, diesen beim Namen zu nennen und eines Tages zu besiegen.

Wer die Auferstehung des Converse-Zeitalters einläutet: The Oskars – Say

Weisst du noch, wie wir in auseinanderfallenden Converse Sneakers und verschwitzten Indie-Kellern zu Mando Diao tanzten? Es waren so schöne Zeiten…und diese sind nicht vorbei! The Oskars aus St. Gallen sorgen dafür, dass das Tanzbein bis zur Nahtoderfahrung herumschwingt. Für eine Band, die erst ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, gelingt ihnen dies hervorragend, denn es wird einfahrendem Gitarrensound und mitreissenden Disco-Beats der Vortritt gelassen. Diesen Sommer am Openair Lumnezia kann man live zu «Say» abtanzen, von dem her: Ahsuuge!

Wer immer grösser werdende Fussstapfen macht: Caroline Alves – Kerosene

Es macht Spass dabei, Zuschauen zu dürfen, wie sich jemand musikalisch immer weiterentwickelt und dabei festen Fuss unter eigen geschaffenem Boden fasst. Carolines zweite Single wirkt zunächst paradox, denn sie verbindet eine triefende Schwere mit einer vorsichtig verspielten Leichtigkeit. Dies erreicht sie mittels schleppender Bässe, pointiert aufsteigender elektronischer Harmonien und einer lässigen Stimme. Und die Message? Frauenpower, Frauenermutigung, Frausein.

Wer uns in einer magischen Sprache einholt: Mattiu – Cun Colur

Alle (alle!!) Schweizer:innen sind sich einig: Der herzigste Mundart Dialekt wird in Graubünden gesprochen. Doch was ist noch herziger als der Dialekt? Die Sprache, der dort zwischen dichten Tannen und himmelhohen Gipfeln nur noch wenige Menschen mächtig sind. Mattiu ist einer dieser Einhorn-Menschen und beschert den Rest unseres kleinen Landes mit einer sanften Pop-Melodie. Dabei ist ein etwas melancholisches Piano ausschlaggebend, sowie eine rhythmische Repetition der Lyrics. Das Gesamtkunstwerk wirkt fast schon wie eine Zauberformel und von der wir uns gerne verzaubern lassen.

Wer das Sinnbild des Herz-Emojis ist: Dachs – Kino Tiffany

Sobald die Sonne die Sommersprossen auf unserer Nase kitzeln lässt, scheint die Zeit der Liebeslieder angebrochen zu sein. Dachs leisten eine hervorragende Arbeit darin: im einfühlsamen Text liegt ein Kino in St. Gallen im Fokus. Dieses fungiert jedoch schon seit geraumer Zeit nicht mehr als Kino. Man könnte meinen, es handle sich hierbei um Euphemismen: verlorene Liebe, wandelbare Liebe, nostalgische Liebe – jede Liebe kann sich in diesem Song wiederfinden. Die langsamen Bässe schlagen mit einer Wucht ein, um unser Cocktail an Gefühlen noch stärker ins Wanken zu bringen. Und damit der Inhalt sich nicht über dem Boden entleert, schlürfen wir ihn mit Gusto.

Wer uns in der Spielhalle besiegen darf: Honey for Petzi – Observations + Descriptions

Die Lausanner Band existiert bereits seit den 90ern. Auf jedem der bereits sechs herausgebrachten Alben wurden Einflüsse der zu dem Zeitpunkt vorherrschenden alternativen Musikstile vereinnahmt. Jedoch scheint dieses musikalische Beerenpflücken unterbrochen worden zu sein: im neusten Album schiessen die Melodien kreuz und quer durch die Gegend, wie die Kugel im Flipperkasten. Wikipedia nennt Honey for Petzi eine «Post-Rock-Band», doch es scheint, als würde die Energie der frischesten Lieder einen neuen Weg einschlagen wollen. Munter werden am Computer hohe Töne und rassige Klänge aneinander geleimt, welche wir voll hibbeliger Vorfreude entgegennehmen.

Wer den Brexit zu einem Brenter umkehren wird: Sensu – Pink

Es sind die hitzigen Beats der 90er, welche heute wieder populär geworden sind und Internet-Musiker:innen wie PinkPantheress ins Rampenlicht stellen. Dass sich die Schweizer Produzentin Sensu für ihren Track Inspiration in London geholt hat, hört man sofort heraus. Nicht nur, weil der englische Sänger und Rapper Jamal Bucanon auf dem Track singt, sondern weil auf diese Art von Musik in der Schweiz noch nicht so oft anzutreffen ist. Sensu hat die Finessen des Electro und Jungle in London, wo sie mehrere Monate wohnte, gut einstudiert, sodass wir auch hier eine Scheibe dieses Genres geniessen können.

Welcher Kapitän keine Wellen scheut: Mastergrief – Fey

Als Herren des Kummers und der Trauer haben sich drei Jungs entschlossen, hüpfende Popmusik beiseitezulassen und stattdessen mehr Aufmerksamkeit den Moll-Tönen zu schenken. Verantwortlich für die Entstehung dieses Projekts ist der Basler Joachim Setlik, der in der Schweizer Musikszene bereits bei Sheila She Loves You mitgespielt hat. «Fey» hört sich an, als würde man sich von einer Welle mitreissen und ihr die Reise zwischen Wasser und Luft überlassen wollen. Es wird kein konkreter Hafen angepeilt denn als Kompass genügen lediglich unsere Sinne.